Europäische Banken und der Zahlungswettbewerb
Europäische Banken verlieren schrittweise den Zahlungswettbewerb. Zunächst kamen mobile Apps, die Gebühren und Transaktionsdaten in Anspruch nahmen, gefolgt von digitalen Zahlungen und Startups, die noch mehr Kontrolle übernahmen. Jetzt warnt die EZB, dass Stablecoins das nehmen könnten, was für Banken besonders schmerzhaft ist: ihre Einlagen.
Warnung der EZB
Piero Cipollone, ein Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, überbrachte diese Botschaft am Freitag auf einer Banken-Konferenz in Rom und stellte den digitalen Euro als strukturelle Antwort vor. „Selbst traditionelle Debitkartenzahlungen verlieren an Beliebtheit. Tatsächlich steigen mobile Zahlungen und übersteigen bereits mehr als eine von zehn Verkaufsstellen-Transaktionen in Irland, den Niederlanden und Finnland“, sagte er.
„Wenn Kunden mobile Zahlungen nutzen, zahlen Banken in der Regel höhere Gebühren als bei Debitkarten und erhalten oft keine Informationen über die Zahlung, sodass sie sowohl Gebühren als auch Daten verlieren“, fügte Cipollone hinzu.
„Wenn die Nutzung von Stablecoins in Zukunft zunimmt, werden Banken auch im Einzelhandel Einlagen verlieren.“ Er sprach zu Managern italienischer Genossenschaftsbanken, die ihre eigenen Gründe haben, nervös zu sein: Die Hälfte der Genossenschaftsbankfilialen in Italien bedient Städte mit weniger als 10.000 Einwohnern, wo der Verlust von Zahlungsdaten das lokale Kreditgeschäft gefährden könnte.
Die Herausforderung durch Stablecoins
Stablecoins fügen diesem Problem eine neue Dimension hinzu. Sie sind privat ausgegebene Krypto-Token, die 1:1 an eine Fiat-Währung – fast immer den Dollar – gebunden sind und es den Nutzern ermöglichen, Geld vollständig außerhalb des Bankensystems zu halten und zu bewegen. Man kann sie sich wie einen digitalen Dollar vorstellen, den man in einer App anstelle eines Bankkontos aufbewahrt.
Selbst Fintechs wie PayPal, Stripe und andere sind in irgendeiner Weise auf das traditionelle Bankensystem angewiesen. Der globale Stablecoin-Markt liegt laut DefiLlama-Daten bei etwa 300 Milliarden Dollar und ist nahezu ausschließlich dollar-denominiert. Cipollone befürchtet, dass die Massifizierung der Stablecoin-Adoption Bargeldeinlagen irrelevant machen könnte.
Die Rolle der Einlagen
Mobile Zahlungen kosten Banken Gebühren und Daten; Stablecoins könnten ihnen die Einlagenbasis entziehen, auf die sie angewiesen sind, um Kredite zu vergeben. Einlagen sind nicht nur eine Zahl in einem Hauptbuch, sondern das Rohmaterial, das Banken verwenden, um Kredite an Unternehmen und Hauskäufer zu vergeben. Weniger Einlagen bedeuten weniger Kredite – und für kleine Genossenschaftsbanken mit geringen Margen und lokalen Kundenbasen ist das ein existenzielles Problem, kein bloßes Spreadsheet-Problem.
Der digitale Euro als Lösung
Der vorgeschlagene Lösungsansatz der EZB ist ironischerweise ein digitaler Euro: eine staatlich ausgegebene, elektronische Form von Bargeld, die über – nicht anstelle von – Geschäftsbanken verteilt wird. Nach dem aktuellen Design behalten Banken die Kundenkonten, verdienen Interchange-Gebühren und behalten Transaktionsdaten.
Die EZB hat bereits 36 Zahlungsanbieter – darunter Deutsche Bank, UniCredit und Revolut – für ein 12-monatiges Pilotprojekt benannt, das in der zweiten Hälfte von 2027 beginnt. Der offensichtliche Einwand ist, dass eine risikofreie, staatlich unterstützte digitale Brieftasche Einlagen ebenso sicher abziehen könnte wie ein Stablecoin.
Die EZB hat jedoch Sicherheitsvorkehrungen im Sinn: Der digitale Euro wird keine Zinsen zahlen, wodurch der Anreiz entfällt, große Summen darin zu parken, und es werden Haltegrenzen festgelegt, wie viel jemand in einem digitalen Euro-Konto halten kann. Die eigene Analyse der finanziellen Stabilität der Bank kam zu dem Schluss, dass das Design kein materielles Risiko für die Liquidität der Banken darstellt.
Ausblick und gesetzgeberische Maßnahmen
Kritiker sind jedoch nicht vollständig überzeugt, und die wiederholten Warnungen der EZB zu Stablecoins haben den Markt nicht merklich verlangsamt. Aber die gesetzgeberischen Maschinen sind jetzt in Bewegung. Laut Cipollone sind die Verhandlungen über den digitalen Euro bereits im Gange und wurden am 9. Juli genehmigt, wobei die erste Sitzung vier Tage später stattfand. Die Gesetzgeber zielen darauf ab, bis Ende 2026 einen Deal zu erreichen. Die erste Ausgabe wird für 2029 angestrebt.